Wachstum Statement I

Gerade hatte ich einen spannenden Mailwechsel. Wie ihr ja vielleicht mitbekommen habt oder auch selbst dabei wart, haben wir am Freitag in Aschaffenburg das erste Mal unsere neue Single „Wachstum über alles“ live gespielt. Natürlich, und das ist uns vollkommen bewusst, wird dieser Song nicht allen schmecken. Tatsächlich war ich aber dennoch erstaunt, dass die ersten Reaktionen so schnell kommen. Respekt! Ich zitiere anonym aus der Mail, die ich erhalten habe:

„(…) Etwas zu populistisch fand ich Euren Vergleich Verkäuferin/Vorstand. Das hat schon seinen Grund, warum es diese Gehaltsunterschiede gibt. Außerdem kommen auch Vorstände zu Euren Konzerten (ich)! Und eine einfache Verkäuferin wird sich nicht unbedingt die 43 €, die meine Frau und ich für den Eintritt bezahlt haben, leisten können. Und der Text in unserem/Eurem Deutschlandlied könnte auch etwas positiver sein. Wir leben in einem wirklich wunderschönen Land und uns geht es bestens! 🙂 🙂 (…)“

Populistisch? Ich habe im Zuge der Textarbeit zur neuen CD natürlich fleißig recherchiert. Um diesem Vorwurf zu begegnen, habe ich mal ein paar Zahlen rausgesucht, die meiner Meinung nach für sich sprechen: Eine Krankenschwester verdient im Jahr 31.570 €, unsere Bundeskanzlerin 224.000 € und der VW Vorstandsvorsitzender 14.500.000 €. (Quelle ARD-Mittagsmagazin vom 19.03.2013). Wenn ich der Logik meines Mailkritikers folgen will und man Frau Merkel als Vorstand der BRD betrachtet, dann bedeutet es ja, dass VW 6,5 mal so wichtig ist wie die BRD, oder hab ich mich da verrechnet? Bildet das aber auch die Realität ab? Wir reden hier von einem Unternehmen, das Autos baut im Vergleich zu einem Land, in dem rund 80 Millionen Menschen leben!
Schlimmer wird das Ganze aber, sobald ich diese Rechnung mit der Krankenschwester aufmache. Leistet der Herr Winterkorn tatsächlich das 46-fache (!) einer Krankenschwester? Einer Frau im Schichtdienst mit harten Arbeitszeiten und -bedingungen? Einer Frau, deren Tun direkt über Leben und Tod entscheidet? Das wage ich zu bezweifeln …

Ich glaube wir haben in diesem Zusammenhang leider jedes Maß verloren. Es kann eben nicht sein, dass ein Viertel der Beschäftigen zum Beispiel im Einzelhandel (Quelle Spiegel Online 9.06.2013) sich nicht mehr von dem Lohn ernähren kann und auf zusätzliche Leistungen angewiesen ist, wohlgemerkt bei voller Arbeit! Das ist nicht richtig. Wohin fließen denn die Gewinne? Ich denke es ist massiv an der Zeit, die richtigen Fragen zu stellen und sich nicht damit zufriedenzugeben, dass einige Politiker und Unternehmensvertreter Dinge als „alternativlos“ bezeichnen. Deutschland hat derzeit den siebtgrößten Niedriglohnsektor in der EU. Ist das der Preis für unser wirtschaftliches Wachstum? Wer wurde eigentlich gefragt, ob wir diesen Preis zahlen wollen?

Um bei der Gelegenheit noch etwas anderes klarzustellen: Ich bin sehr froh in einem Land zu leben, in dem Menschenrechte, Freiheit (auch und gerade der Meinungsäußerung) und soziale Sicherung (zumindest was davon noch übrig ist) zu einem wichtigen Gemeingut gehören und als gesellschaftlicher Konsens gesehen werden können. Ja, wir leben in einem schönen Land und wir können froh sein, dieses Privileg zu haben. Doch zwei Dinge hierzu: Erstens, was ist mit all denen, die dieses Privileg nicht haben? Vergessen wir nicht allzu leicht, wo unser Wohlstand eigentlich erwirtschaftet wird? Und von wem und zu welchen Bedingungen?
Zweitens: Weil es uns besser geht, leite ich daraus noch nicht ab, dass es uns gut geht – gut im Sinne von gerecht und sozial. Ich persönlich erkenne eine zunehmende Schieflage zwischen denen, die hart arbeiten und gerade so über die Runden kommen und denen, die von den Früchten dieser erbrachten Arbeit leben! Es wird sich nichts verändern, wenn wir weiterhin unseren Kopf in den Sand stecken und so tun, als ob alles schon ganz ok ist. Es wird schon nicht schlimmer kommen? Doch, das wird es. Letztlich können wir aus der Geschichte eines lernen: Ausgebeutet wird man immer so lange, bis man sich entschieden wehrt!

Ich habe mir sowohl mit dem Lied „Wachstum über alles“ als auch mit diesem spontanen Text den Zorn von der Seele geschrieben. Wenn ihr das ähnlich seht wie ich, dann freue ich mich über Teilen dieses Artikels und natürlich auch über Kommentare.

Euer Lasterbalk

P.S.: Oh, und noch einen persönlichen Nachsatz zu den Ticketpreisen: Bitte macht euch den Spass und vergleicht mal unsere Ticketpreise mit denen unserer Mitbewerber. Gerade unsere Freunde von In Extremo haben mit ihrem „günstigen“ Ticketpreis zu knapp 50,- Euro selbst mich überrascht. Ohne Worte…

Lasterbalk
Mittwoch, 19. Juni 2013