Köln, MPS am Fühlinger See. Welch eine wunderbare Location, welch ein toller Ort, um ein Konzert zu geben und welch grandiose Gelegenheit, sich nach getaner Arbeit einfach in die erfrischend kühlen Fluten zu stürzen. Das Gelände scheint wirklich wie gemacht für ein Mittelalterliches Spektakel und hatte uns bereits im letzten Jahr zu einer wahrhaft feucht-fröhlichen Feier eingeladen. Einem perfekten Wochenende steht also nichts im Wege. Außer vielleicht der Wetterbericht, der zumindest zeitweise den ein oder anderen Regenschauer verspricht. Nun, ein echter Spielmann lässt sich aber auch davon nicht beeindrucken, geschweige denn unterkriegen. Also auf nach Kölle...
So denk ich es mir, als ich mich am Samstag auf den Weg Richtung Rheinmetropole mache und ahne noch nicht, welche Wendungen dieses Wochenende noch für mich bereithalten wird. Und während meine Spielmannskollegen mit ihrer Rockshow beim Veldenstein-Festival die Bühne entern, verbringe ich meine Zeit auf der
Autobahn, düse in wahnwitziger Geschwindigkeit über die Fahrbahn, natürlich wie immer ganz links und mit ständig angeschaltetem Blinker ;) und höre mich durch einige Exemplare meiner CD-Sammlung. Ja, ich fahre an diesem Tag selbst und bin mit eigenem Auto unterwegs – ein Fehler, wie sich spätestens am nächsten Tag bei einer spontan eingestreuten Tavernenmucke herausstellen wird. Doch dazu später mehr. Ich reise also bereits am Vorabend des MPS an, um nicht am nächsten Morgen die Strecke fahren zu müssen. Und weil das auch unser Tourmanagement für sinnvoll erachtet, haben sie mir für die Nacht freundlicherweise sogar ein Hotel gebucht. Ist das nicht schön? Ja, das ist nicht schön...
Warum? Nun, als ich in Good Old Kölle ankomme und per Navi mein Hotel gefunden habe, wird mir relativ schnell bewusst, dass dieser Abend wohl noch so einige Überraschungen birgt. Und dann kann ich nicht anders: Ich verfasse einen Hilferuf, ein schriftliches Memo meiner Verzweiflung, einen letzten Appell an die Menschlichkeit.
Doch lest selbst: Ein offener Brief an meine Band...
Liebe Band,
soeben komme ich in Köln an, wo wir morgen beim Mittelalterlichen Phantasie Spectaculum am wunderschönen Fühlinger See spielen werden. Ihr seid heute ja bekanntlich beim Veldenstein Festival, um die dortige Bühne mit einer zünftigen Rockshow zu beglücken - ich bin mir übrigens sicher, dass Ihr diese Aufgabe auch wieder mit Bravour meistern werdet (wehe, wenn nicht...dann gibbet Haue!). Wie gesagt, morgen sehen wir uns ja und werden gemeinsam die Hauptbühne beim MPS mit unseren Mittelalterklängen rocken und das Publikum zum Tanzen bringen. Ich hab mich also heute im Laufe des Tages auf den Weg nach Kölle gemacht, damit ich rechtzeitig vor Ort bin und nicht erst heute Nacht oder total früh morgens anreisen muss. Verantwortungsbewusster Spielmann, wie immer, so kennt man mich! Und nachdem ich nun in das freundlicherweise vom Management gebuchte Hotel eingecheckt habe, fallen mir ein paar interessante Sachverhalte auf, an deren Besonderheit ich Euch unbedingt teilhaben lassen möchte:
Erstens: Als ich eben an der Rezeption meinen Zimmerschlüssel in Empfang nehme, sitzen rundherum im Foyer nur männliche Gäste herum und schlürfen an seltsam aussehenden Cocktails.
Zweitens: Der mir ausgehändigte Zimmerschlüssel ist an einem rosafarbenen Schlüsselband befestigt, dessen Inschrift mir ein „Schlüsselerlebnis“ verspricht.
Drittens: Der Stil und das Design des gesamten Hotels und vor allem das Zimmerambiente sind als überaus farbenfroh zu bezeichnen, um es mal vorsichtig auszudrücken.
Viertens: Auf dem Tisch hier liegt ein Kunst-& Designmagazin, von dessen Cover mir – natürlich – ein Typ entgegenlächelt.
Fünftens: Im Badezimmer steht ein Glas mit echt aufdringlich süßen Duftstäbchen.
Sechstens: In meinem Zimmer sind jede Menge Spiegel angebracht, alle in Sichtweite des Bettes.
Siebtens: Als ich den Fernseher einschalte, läuft gerade eine Sendung, bei der ein Fachmann über diverse Antiquitäten referiert und dabei vor einem historischen Kupferstich steht, auf dem ein alter, von Gram gebeugter, blinder Leierspieler zu sehen ist. (Kein Witz!)
Achtens und damit Letztens: Der Bunker hier nennt sich doch tatsächlich „Friends“... Wollt Ihr mir mit dem all dem irgendwas sagen?
Ok, ich weiß, ich weiß... letztes Jahr bin ich quasi fremdgegangen und hab mit einer anderen Band hier in Köln beim CSD gespielt. Nun gut, die anschließende Ladung Hohn und Spott auf, neben und hinter der Bühne war dann ja zu erwarten. Und als dann noch unsere CD in die Charts eingestiegen ist und wir ALLE irgendwelche Wetten laufen hatten, was wir tun würden, wenn so etwas unwahrscheinliches eintreffen sollte, waren Eure Ideen entsprechend schnell bei der Hand: Jeder hatte jeweils seine mal mehr mal minder witzigen Einsätze zu erfüllen und Samoel & ich sollten also mit einem rosa Auto zum diesjährigen CSD fahren (eindeutig eingekleidet vom bandinternen Fachmann für Homoerotik und Modeberater Mümmelstein). Und, ebenfalls klar, unser diesjähriger Terminkalender hat diese (zumindest für euch und Herrn Samoel überaus spaßige) Aktion leider zunichte gemacht. Wie schade aber auch...
Aber jetzt das... Leute, wenn das ne geplante Aktion war, ziehe ich vor Ehrfurcht meinen nicht vorhandenen Hut und verneige mich hiermit respektvoll vor Euch und Eurem souverän abgeklärten Gespür für außergewöhnliche Späße !
Wenn es allerdings KEINE Absicht war, dann sitzt genau jetzt irgendwo ein Schicksalsdämon oder ein Gott des Zufalls und lacht sich amtlich kaputt. Oder er sollte es zumindest... Wie auch immer: Vielen Dank, Ihr Säcke! Wir sprechen uns morgen! ;)
Euer Trommler (es war zwar echt knapp, aber trotz massiver Einflüsse immer noch hetero...)
Ja, so schrieb ich an diesem Abend, ohne auch nur den Hauch einer Ahnung zu haben, ob meine Kollegen mich nun wissentlich in die homoerotische Falle gelockt hatten oder ob wirklich nur Kollege Zufall im Spiel war. Und was soll ich sagen? Der Teufel ist ein Eichhörnchen! In keinster Weise, so versichern mir meine werten Spielmannsbrüder am nächsten Tag, als ich beim Gelände des MPS ankomme, sei es beabsichtigt gewesen, mich so hinters Licht zu führen. Ganz im Gegenteil, man habe sich nach dem Lesen meines offenen Briefes (den ich natürlich auch per Mail an die Jungs verschickt hatte) ernsthaft und aufrichtig um mich und meine leibliche Unversehrtheit gesorgt. *Hust* Ja, genau...
Wie auch immer, wer den Schaden hat, spottet ja bekanntlich jeder Beschreibung, von daher ist die Stimmung innerhalb der Truppe recht schnell auf einem gewissen positiven Niveau angekommen. Aufbau und Soundcheck verlaufen planmäßig und schon bald steht unsere erste Tagesshow an. Jedoch fällt mir kurz vorher noch ein prächtiges Paar „Hello Kitty“-Schwimmflügel in die Hände, die noch vom Vorabend im Backstagebereich liegen (Bruder Rectus hatte damit wohl tatsächlich eine Runde im See gedreht, eingekleidet in einem geschmackssicheren Borat-Badeanzug). Und wer muss immer als erstes herhalten, wenn uns Blödsinn einfällt? Richtig! El Silbador steht also gern zur Verfügung und zieht die Dinger bereitwillig an (mit ein wenig gewaltsamer Hilfe, versteht sich). Doch aus irgendeinem Grund will er damit einfach nicht auf die Bühne gehen...
Nun, die Shows laufen dennoch super, der Platz vor der Bühne ist gut gefüllt und die Stimmung ist entsprechend euphorisch. So macht das Spaß! Auch die kurzen Regenschauer, die dann und wann vom Himmel fallen, können den Anwesenden die Laune nicht verderben. Respekt!
Zwischen den einzelnen Tagesprogrammpunkten stehen dann noch ein paar weitere Dinge an, die im Leben und Wirken einer Band ebenfalls einen nicht zu vernachlässigenden Teil ausmachen: Nein, nicht Trinken und Zubern! (*Hallo???*) Sondern Interview-und Fototermine! Gemeinsam mit den Kollegen und den jeweiligen Interviewpartnern und Fotografen wird aber auch dieser eher geschäftlich wirkende Teil dann doch recht witzig. Vor allem unser Tourmanager Kai hat offensichtlich seinen Spaß und schmeißt sich fast weg vor Lachen, als er seine Band beim Posen vor der Kamera beobachtet. Und da soll man noch ernst gucken können... ;)
Na ja, ganz ohne hochprozentige Getränke geht der Tag dann doch nicht vorüber. Spontan entscheiden wir uns, einen kleinen „walking act“ auf dem Gelände zu machen, also spielenderweise über den Platz zu ziehen, irgendwo Halt zu machen und gegen Getränke ein paar Stücke zum Besten zu geben. Ganz in alter Spielmannstradition eben! Und wie es der Teufel so will (manche nennen ihn auch Lasterbalk) folgt uns schließlich eine große Menschenmenge über den Platz und beschert uns reichhaltig flüssigen Nährstoff für unsere trockenen Kehlen. Warum unserem Herrn L. allerdings einfällt, dass ausgerechnet ICH an diesem Tag jedes einzelne gereichte Getränk zuerst probieren muss, bleibt mir ein Rätsel. Schließlich muss ich doch im Anschluss an die Abendshow noch mit eigenem Auto zurückfahren! Ach so, genau deshalb? Wer solche Freunde hat... Das Publikum liebt natürlich solche Aktionen und stimmt im Chor „Das war sein Führerschein, das war sein Führerschein...“ an. Nur gut, dass jeder Spielmann so manchen Trick kennt, um nicht verfrüht alkoholbedingte Ausfälle oder Leberschäden erleiden zu müssen (nun, wahrscheinlich jeder außer dem Herrn Mümmelstein...), sonst hätte dieser Abend übel ausgehen können.
Doch so wird auch die im Anschluss gespielte Abendshow ein voller [sic!] Erfolg, die Anwesenden feiern, tanzen und singen mit uns und lassen sich auch vom zwischenzeitlichen Regen nicht davon abbringen. Solche Momente, wenn Hunderte Menschen vor der Bühne ausharren und sich nicht in trockene Unterstände retten, nur um weiterhin mit uns zu springen und unsere Musik zu zelebrieren, machen mir immer wieder die Besonderheit dieser Szene, die Besonderheit unserer Fans und Freunde klar. So etwas findet man nicht allzu oft und ich bin sehr sehr dankbar dafür, ein Teil davon sein zu dürfen.
Nach dem Ende der Show bleibt dann sogar noch Zeit, um einen kurzen Sprung ins kühle Nass des Fühlinger Sees zu wagen, bevor der Abbau beginnt und das Material eingeladen wird. So lässt man sich das gefallen! Köln, wir kommen gerne wieder!
Euer Tambour